Marie-Christine, ein 6 Wochen alter weiblicher Säugling
wird von der Grossmutter am 8.1.2001 im Zusammenhang mit einer "Bronchitis"
vorgestellt. Die rektale Temperatur beträgt 37.7 0C, die Atemfrequenz
65/Minute, das Expirium ist leicht verlängert. Klinisch ist keine
sichere Zyanose feststellbar, die Oxymetrie zeigt jedoch eine pathologisch
zu tiefe Sauerstoffsättigung von 87%, die gut auf Sauerstoffgabe
anspricht.
P.S.: HIV-Serologie ist eine falsche Antwort!
Kommentar:
Bei einem mehrwöchigen Säugling , der sich im Winter mit einem
trockenen Husten, subfebrilen Temperaturen, einer Tachypnoe, einem verlängerten
Exspirium und einer Hypoxie präsentiert, denkt man in erster Linie
an eine virale Bronchiolitis ( Atemwegsinfekt mit Zeichen einer Obstruktion
der Atemwege). Diese Symptomatologie kann 20-30% der Säuglinge im ersten
Lebensjahr erfassen .
Die häufigsten Erreger einer akuten, schweren Bronchiolitis sind
folgende: der Respiratory syncytial Virus (RSV) 50 %, Parainfluenzavirus
25 %, Influenzavirus 5 %, Adenovirus 5 %. Das Alter des Auftretens der
ersten Episoden (und auch der schwersten), liegt zwischen 2 und 6 Monaten.
RSV ist vor allem zu beachten, dass er einen epidemischen Charakter aufweist.
Bei der Evaluation eines solchen Patienten ist die möglichst genaue
Aufnahme der Kontaktanamnese wichtig. Handelt es sich um eine virale Bronchiolitis,
so findet man im allgemeinen einen banalen Schnupfen bei einer Kontaktperson
(älteres Kind oder Erwachsener).
Klinisch findet man gewöhnlich Fieber, zum Teil erhöhte Temperaturen.
Die Nasensekretion ist flüssig, laufend. Eine Irritabilität,
Ernährungsschwierigkeiten und Erbrechen begleiten häufig die
Symptomatik, vor allem bei den Kleinen. Ein pfeifendes Exspirium und Röcheln
sind bei der Auskultation hörbar.
Die Symptome nehmen von Tag 3 bis 7 zu und die Besserung folgt in 2-5
Tagen. Der RSV ( gleich wie die anderen hier erwähnten Viren), können
im Nasopharyngealsekret in einem Antigentest nachgewiesen werden (ELISA
oder Immunfluoreszenz), oder auch in einem RSV-Schnelltest. Dieser Nachweistest
ist nicht generell nötig,- ausser wenn das Kind hospitalisiert werden
muss- (aus Spitalhygienegründen, da der Virus sehr ansteckend ist),
oder wenn der klinische Verlauf diagnostische Zweifel hervorruft.
Im Fall von Marie-Christine hat die neonatale Anamnese einen Hinweis
für eine andere Ursache für die Atemwegsaffektion gegeben :
nämlich eine Konjunctivitis während der zweiten Lebenswoche,
welche oft ein erstes Zeichen für eine während der Geburt erworbene
Chlamydieninfektion ist.
30-50% der Kinder , welche von chlamydienpositiven Müttern geboren
wurden (oft asymptomatische, lang dauernde Genitalinfekte) entwickeln
nach einer Inkubationszeit von 5- 14 Tagen eine Konjunctivitis. Die klinische
Präsentation ist sehr variabel, kann von einer leichten conjunctivalen
Injection mit wenig schleimigem Sekret bis zu einer schweren Konjunctivitis
mit reichlich eitrigem Sekret und Chemose reichen.
Die Hälfte dieser Neugeborenen haben auch eine nasopharyngeale Infektion
, welche mehrheitlich asymptomatisch bleibt , aber mehrere Jahre persistieren
kann.
Eine Lungenentzündung entwickelt sich bei ungefähr 30% der
Säuglinge mit einer nasopharyngealen Infektion. Die Symptome treten
also zwischen 4 und 12 Lebenswochen auf (frühestens nach 2 Wochen,
spätestens nach 4 Monaten ), sind zunehmend, mit einem kurzen Husten
(staccato) beginnend, oft gefolgt von einer schleimigen Nasensekretion
(1-2 Wochen), typischerweise ohne Fieber, Tachypnoe, Röcheln bei
der Auskultation, kein Pfeifen (oder nur ausnahmsweise).
Das radiologische Bild ist nicht spezifisch, zeigt in der Regel eine
Ueberblähung, diffuse Infiltrate von unterschiedlichem Aspekt, Atelektasen.
Eine Bluteosinophilie (über 300) ist häufig.
Ohne Behandlung ist der typische Krankheitsverlauf langdauerend ( 4-8
Wochen), selten schwer und mit Apnoen.
Die Diagnose wird mit Immunfluoreszenzmethode gestellt mit einem Abstrich
(je nach Klinik conjunctival oder nasopharyngeal), welcher Zellen enthalten
muss, da es sich um einen intrazellulären Keim handelt. Es existiert
auch ein PCR-Test ( Polymerasekettenreaktion), der sehr sensibel und spezifisch
ist. Der Nachweis von spezifischen IGM im Serum kann ebenfalls zur Diagnose
verwendet werden.
Erythromycin per os während 10- 14 Tagen ist die Therapie der Wahl
für die Konjunctivitis, eliminiert das Trägertum und verhütet
die Pneumonie, weshalb es so wichtig ist nach dieser Ursache zu suchen,
wenn eine Konjunctivitis bis in die 2. Woche besteht. Die gleiche Behandlung
während 2-3 Wochen ist bei einer Pneumonie indiziert .
Die Differentialdiagnose einer Pertussis kann ebenfalls hinter der klinischen
Symptomatik, welche Marie-Christine präsentierte, erwogen werden.
In diesem Alter stehen oft die Apnoen im Vordergrund und eine Leukozytose
(bis 60'000) mit Lymphozytose ( über 10'000).
Was den Fall des kleinen Hans betrifft, lässt die mütterliche
Anamnese eine Pneumocystis carinii-Pneumonie (PCP) vermuten, eine häufige
und oft schwere opportunistische Infektion bei der HIV-Infektion in den
ersten Lebensmonaten. Das beschriebene Kind hat eindeutig das Risiko einer
HIV-Infektion (20-40%), da die Mutter die Massnahmen zur Vorbeugung der
vertikalen Infektion des HIV verweigert hat (antiretrovirale Therapie
während der SS, Wahlkeiserschnitt, kein Stillen). Sie hat ihrem Kind
sicher auch kein Cotrimoxazol als Prophylaxe einer Pneumocystis carinii-Infektion
verabreicht, das gemäss den Richtlinien des CD4 allen Kindern einer
HIV positiven Mutter in den ersten Lebensmonaten bis zum Ausschluss einer
HIV-Infektion oder während des ganzen ersten Lebensjahres, anschliessend
je nach CD4-zahl verschrieben wird.
Die Symptome einer PC-Pneumonie sind unspezifisch und schliessen Fieber
mit ein, oft hohes, einen nicht produktiven Husten, eine Atemdepression
und vor allem eine Hypoxie, welche schwer sein kann.
Die Radiographie zeigt in der Regel bilaterale, reticulonoduläre
Infiltrate, ausgehend von den perihilären Regionen , kann aber auch
ganz andere Bilder aufweisen. Zur Diagnostik ist eine bronchoalveoläre
Lavage nötig, welche die Organismen direkt in der Lavageflüssigkeit
sichtbar macht.
Die Therapie verlangt Cotrimoxazol in hohen Dosen ( 20 mg/kg/Tag Trimethoprim)
während 3 Wochen. Andere opportunistische Atemweginfektionen sind
auch möglich (CMV, Tuberkulose, Candida....), sind aber weniger häufig.
Eine LIP ( lymphozytäre interstitielle Pneumopathie ),welche typischerweise
beim Kind mit HIV vorkommt, mit einer lymphonodulären Hyperplasie
im Bronchialepithel einhergeht, die wahrscheinlich auf Grund einer Infektion
mit dem Epstein-Barr-Virus zustande kommt , wäre für dieses
Alter sehr ungewöhnlich (tritt nach dem Alter von 1 Jahr auf, Spitze
um das 2. Jahr). Sie kann sich äussern mit einem Husten, einer Dyspnoe
und einer Hypoxie, bleibt aber oft asymptomatisch. Die Diagnose wird mit
einer Lungenbiopsie gemacht. Schlussendlich, bleiben trotz der HIV-Exposition-,
bleiben die geläufigen Bronchitiden und Pneumonien die wahrscheinlichsten.
In diesem Alter, und bis zum Alter von 18 Monaten, kann die Diagnose
einer HIV-Infektion nur serologisch gemacht werden, da die Antikörper
passiv von der Mutter übertragen werden und lange persistieren können(durchschnittlich
9-10 Monate). Eine virologische Methode ist deshalb nötig, wobei
die empfindlichste die DNA-PCR- oder RNA-PCR-Methode ist. Die Suche nach
dem Antigen p24 des HIV wäre spezifisch,ist aber wenig empfindlich.
Zur Bestätigung einer HIV-Infektion braucht es 2 positive Tests in
2 verschiedenen Blutproben. Zum Ausschluss braucht es 2 negative PCR-Tests,
beide nach dem Alter von 1 Monat, einer frühestens nach dem Alter
von 4 Monaten.
Dr Virginie Masserey Spicher
Division épidémiologie et maladies infectieuses
Office Fédéral de la Santé Publique
Schwarztorstrasse 96
3003 Berne
Tél: +41 31 322 71 65
Fax: +41 31 323 87 95
e-mail : Virginie.Masserey@bag.admin.ch
(Übersetzung : Cornelia Heller, Meilen)
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