Sie untersuchen Olivia, ein gesundes 4-Jahre altes Mädchen.
Kommentar des Spezialisten
Antwort 1
Bis zum Alter von 4 Jahren sollte ein Kind die Stuhlkontrolle erlernt haben.
Danach spricht man von Enkoprese. Diese Altersgrenze ist arbiträr, sie
stimmt jedoch mit den Beobachtungen der Praxis recht gut überein. Dass
ein Kind nach diesem Zeitpunkt die Analhygiene derart missachtet, dass es dauernd
Bremsspuren in der Unterwäsche hat, ist eine eher seltene Beobachtung.
In diesem Fall ist eine erneute Instruktion der Analhygiene durch die Mutter
sinnvoll. Bei Rezidiven ist aber an eine weitergehende Störung psychosozialer
Art zu denken. Man erinnere sich an die von Sigmund Freund geäusserten
Hypothesen im Zusammenhang mit der Stuhlentleerung.
Sicher ist eine schleichende Obstipation mit Überlaufstuhl anamnestisch
und klinisch auszuschliessen. Geht das Kind regelmässig auf die Toilette?
Wie ist die Stuhlkonsistenz? Hat es Schmerzen bei der Defäkation? Ist das
Sigma palpatorisch voller Stuhl? Ist die Ampulle bei der Rektaluntersuchung
voller Stuhl? In diesem Fall ist eine weitergehende Behandlung angezeigt. Neben
Drastika (Abführmittel) und Stuhlerweichern, die über mehrere Wochen
gegeben werden müssen, ist eine begleitende Verhaltensmodifikation für
einen Therapieerfolg von entscheidender Bedeutung. Initial sind
psychoanalytisch-psychotherapeutische Interventionen nicht indiziert.
Anwort 2
Bereits im Alter von 18 Monaten sollte das Kind, an der Hand gehalten die Treppe
raufsteigen können. Mit zwei Jahren (mit Halten am Geländer) sicher
treppauf, möglicherweise auch schon treppab. Allerdings stellen Treppen
für Eltern und Kinder oft eine sehr bedrohliche Angelegenheit dar. Viele
Eltern fürchten sich vor schlimmen Stürzten auf der Treppe. Die Folge
davon ist, dass Eltern in der Regel das freie Treppensteigen des Kindes nicht
fördern, sondern eher bremsen. Es erfolgen Kommentare wie: Pass auf, Achtung
nicht alleine, halte dich gut fest usw. Auch nicht-verbal können Eltern
Angst und Anspannung vermitteln (springen auf, halten das Kind usw.), was wiederum
die motorische Exploration des Kindes nicht fördert. Einige Kinder entwickeln
dann eine stupende Technik sich am Geländer haltend die Treppe zu steigen,
das viel gefährlichere Absteigen aber mit Rutschen auf dem Bauch zu umgehen.
Im Alter von vier Jahren hat das Kind jedoch genug Sicherheit gewonnen, Treppen
mit alternierenden Bewegungen (ein Fuss pro Tritt) zu bewältigen. Oft sind
jedoch noch spezielle Muster beobachtbar, zum Beispiel immer das eine Bein voran,
was normal ist.
Antwort 3
Gemäss Untersuchungen von Barbara Zollinger öffnet und schliesst
das Kind ab dem Alter von 18 Monaten (80% Regel) die Schere. Mit 30 Monaten
kann es zweihändige Schnitte mit der Schere machen und ab 36 Monaten einhändig.
Also schon mit drei Jahren sollte das Kind mit der Schere schneiden können.
Bei der Vorsorgeuntersuchung im Alter von 4 Jahren kann dies gut untersucht
werden (Kreis ausschneiden) und gibt Hinweise auf die feinmotorischen Fähigkeiten,
die Augen-Hand-Koordination, aber auch auf die Fähigkeit Aufgaben selbständig
zu lösen. Die Interaktion zwischen Mutter und Kind (hilft dauernd, korrigiert
dauernd, ist supportiv usw.) lässt sich dabei ebenfalls gut beobachten.
Auch das Interesse und die Geduld mit der ein Kind solche Aufgaben löst,
ist ein Hinweis auf die intellektuelle Reife des Kindes.
Thomas Baumann, Solothurn
Literatur
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Zollinger, B. Die Entdeckung der Sprache, Haupt Bern, Stuttgart, Wien 1997
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