Quiz 10

Fallbeschreibung:

Der 7 Jahre alte Peter ist seit dem Alter von 3 Jahren nachts trocken und trägt keine Windeln mehr. Tagesüber nässt er noch fast jeden Tag mehrmals ein. Die Mutter beschreibt häufige Haltemanöver und einen "urge". Keine Harnwegsinfektion, keine Obstipation. Die körperliche Untersuchung ist unauffällig und altersentsprechend. Sie bitten die Mutter in einem Protokoll das Miktionsverhalten des Kindes zu dokumentieren: 12 Miktionen an einem Tag, Miktionsvolumen schwankend zwischen 10 und 65 ml.

Frage 1:

Was untersuchen Sie bei Peter (2 Hilfsuntersuchungen) ?


Ihre Antwort :

       

Frage 2:

Die von Ihnen veranlassten Untersuchungen ergeben normale Befunde. Welche Diagnose vermuten Sie ?


Ihre Antwort :

       

Frage 3:

Welche Pharmakotherapie kommt bei Peter in Frage ?

Ihre Antwort :

       

 


Kommentar des Spezialisten


Antwort 1

Die Differentialdiagnose der oben beschriebenen Symptomatik umfasst die akute oder chronische Harnwegsinfektion, die organische und funktionelle Harninkontinenz, die Obstipation sowie bei Mädchen auch eine Vulvovaginitis und einen vaginalen Fremdkörper. Zur Diagnosestellung benötigt man neben der Anamnese, dem Miktionsprotokoll sowie der körperlichen Untersuchung einen Urinstatus, eine Urinkultur sowie eine Sonographie des Abdomens. In Ausnahmefällen ist auch eine urodynamische Abklärung notwendig. Bei der körperlichen Untersuchung sollte vor allem auf den Genitalstatus sowie Hinweise auf neurologische Störungen geachtet werden. Die Sonographie sollte die Frage nach Blasenwanddicke und Restharnbildung beantworten.


Antwort 2

Die idiopathische Dranginkontinenz gehört in den Formenkreis der funktionellen Harninkontinenz, das heisst der Inkontinenz, welche nicht durch Krankheit, Trauma oder kongenitale Malformation bedingt ist. Folgenden drei Formen sind am häufigsten:

  • idiopathische Dranginkontinenz (= instabile oder unreife Blase)
  • Inkontinenz bei Miktionsaufschub
  • Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination
  • Die idiopathische Dranginkontinenz umfasst folgende Symptomatik:
  • hohe Miktionsfrequenz von mehr als 7-mal/Tag mit kurzen Miktionsabständen und kleiner funktioneller Blasenkapazität.
  • plötzlicher und oft imperativer Harndrang mit häufig Haltemanövern (Aufeinanderpressen der Oberschenkel, Hüpfen von einem Bein auf das andere, Fersensitz, ...)
  • Einnässen von kleinen Urinmengen tagsüber, infolge Ermüdung gehäuft am Nachmittag. Oft mehrmaliges Einnässen in derselben Nacht oder Nykturie
  • perigenitale Hautmazeration, Vulvovaginitis
  • rezidivierende Harnwegsinfekte, seltener vesikoureteraler Reflux
  • Obstipation, manchmal verbunden mit Einkoten

Urodynamisch zeigt sich eine Detrusorinstabilität, das heisst ein  ununterdrückbares Auftreten von Detrusorkontraktionen von mehr als 25 cm H2O während der Füllungsphase.

Die idiopathische Dranginkontinenz ist die häufigste Inkontinenzform des Kindesalters. In einer schwedischen epidemiologischen Untersuchung von 7-jährigen Schulanfängern nässten 3.1% der Mädchen und 2.1% der Knaben tagsüber ein. Davon hatten 82% der Mädchen und 72% der Knaben zusätzliche Drangsymptome. Bei den meisten lassen die Symptome bis zur Pubertät nach, gehen aber nicht selten bis ins Erwachsenenalter weiter.

Die Aetiologie ist noch nicht vollständig geklärt. Genetische Faktoren spielen eine Rolle, da häufig mehrere Mitglieder in derselben Familie betroffen sind. Die Dranginkontinenz kann auch im Sinne eines erlernten Verhaltens nach Harnwegsinfektionen persistieren. Eventuell können aber auch Harnwegsinfektionen eine Instabilität der Blase auslösen. Ausserdem wird eine Verzögerung in der physiologischen Entwicklung der Blasenfunktion diskutiert. Die meisten Kinder mit idiopathischer Dranginkontinenz sind psychiatrisch unauffällig, zeigen aber häufig emotionale Probleme als Folge und nicht als Ursache ihrer Problematik.

Die Diagnose wird aufgrund der Anamnese, dem klinischen Status, dem Miktionsprotokoll, sowie der Sonographie vermutet. Beweisen kann man sie nur mittels Urodynamik, diese ist aber bei eindeutiger Klinik meist nicht nötig und wird vor allem in unklaren Fällen oder bei Therapieresistenz eingesetzt.


Antwort 3

Bei der Therapie ist es enorm wichtig, dass eine eventuell begleitende Obstipation behandelt wird. Wegen der engen anatomischen Verhältnisse zwischen Rektum und Blasenhinterwand führt jede grössere Rektumerweiterung zur Kompression von Blase, Blasenhals und zur Erweiterung der Urethra. Zudem bilden der rektale und der urethrale Sphinkter zusammen mit dem Beckenboden eine physiologische Einheit, sodass eine Kontraktion des rektalen Sphinkters simultan zur Kontraktion des urethralen Sphinkters führt.

Zusätzlich sind verhaltenstherapeutische Ansätze mit dem Ziel der bewussten Kontrolle der Drangsymptome ohne motorische Haltemanöver sinnvoll. Die Kinder werden bei Drangsymptomen dazu aufgefordert, sofort die Toilette aufzusuchen, ohne Haltemanöver durchzuführen. Der Erfolg sollte protokolliert werden. Daneben kann versucht werden, mit Hilfe eines Blasentrainings, die Blasenkapazität zu vergrössern. Hilfreich in der Therapie ist ausserdem Oxybutinin, welches über eine spasmolytische, anticholinerge und lokalanästhetische Wirkung verfügt. Es wird in einer Dosierung von 0.2 – 0.6 mg/kg KG/Tag in zwei bis drei Dosen eingesetzt. Es führt bei den meisten Kindern zu einer Zunahme der Blasenkapazität und zu einer Abnahme der Drangsymptome. Die wichtigsten Nebenwirkungen sind: Mundtrockenheit, fleckige Hautrötungen, Akkomodationsstörungen, Abnahme der Schweissdrüsensekretion sowie Obstipation. Um sie zu minimieren, ist eine einschleichende Dosierung empfehlenswert.

Sollten rezidivierende Zystitiden vorhanden sein, so ist es sinnvoll, nach Akuttherapie eine antibiotische Prophylaxe für mindestens drei Monate einzusetzen.


Literatur

  1. Fernandes E, Vernier R, Gonzalez R: The unstable bladder in children. J Pediatr 1991;118: 831-837
  2. Hjälmas K: functional daytime incontinence: definitions and epidemiology. Scand J Urol Nephrol 1992;141 Suppl: 39-46
  3. Laux-End R, Marchand S, Bianchetti MG: Urinary tract infections in pediatric practice—which new aspects must be considered? Ther Umsch 1998; 55:32-38

Regula Laux-End, Thal

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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008