Ein zweijähriges Mädchen wird beim Hausarzt vorgestellt wegen einer
nicht schmerzhaften Vorwölbung des Abdomens. Bei der Palpation findet man
im rechten Hemiabdomen eine Resistenz. Im Ultraschall äussert der Radiologie
den Verdacht auf einen Tumor im Bereiche der rechten Niere. Vermutet wird ein
Wilmstumor (= Nephroblastom) oder ein Neuroblastom. Sie veranlassen nun die
Urinuntersuchungen.
Kommentar des Spezialisten
Eine initiale Hämaturie (Mikro- oder Makrohämturie) findet man in
10-25% aller Wilms-Tumoren und tritt üblicherweise auf bei Einbruch des
Tumors durch das Nierenbeckenkelchsystem. Dies wiederum bedeutet keine schlechte
Prognose. Eine Hämaturie kann sogar zur Frühdiagnose eines Wilmstumors
führen. Eher noch häufiger findet man aber bei Wilms-Tumor einen erhöhten
Blutdruck. Bei Neuroblastomen hingegen liegt üblicherweise keine Hämaturie
vor, hingegen produzieren diese Tumoren Katecholamine, welche im Urin nachgewiesen
werden können. Diese können selten auch einmal einen erhöhten
Blutdruck hervorrufen (je nach Katecholaminmetaboliten). Bei Verdacht auf Wilms-Tumor
muss nach assoziierten Missbildungen im Urogenitalbereich gesucht werden. Ebenso
müssen Missbildungen wie Aniridie oder eine Hemihypertrophie ausgeschlossen
werden. Gewisse Syndrome wie z.B. das Beckwith-Wiedemann Syndrom welches mit
Gigantismus, Omphalozele und Makroglossie einher geht ist in 10% mit Wilmstumor
assoziiert. Umgekehrt gilt auch: Falls primär eine der genannten Missbildungen
vorliegt, muss immer auch an die mögliche Entwicklung eines Wilms-Tumors
gedacht werden. Vor allem während den ersten 5-7 Lebensjahren ist das Risiko
einer Nephroblastomentwicklung unter den genannten Konditionen erhöht.
Wilms-Tumore gehören zu jenen kindlichen Malignomen mit der besten Prognose,
wobei immer eine kombinierte Therapie mit chirurgischer Tumorentfernung und
Chemotherapie notwendig ist. Strahlentherapie wird nur bei ausgedehnteren Stadien
oder Rezidiven eingesetzt. Dauerheilungen liegen heute bei deutlich über
80%. Schwerwiegende therapiebedingte Spätfolgen sind dank gezielterem Einsatz
von Zytostatika, Radiotherapie und Chirurgie deutlich zurückgegangen.